In den letzten Monaten konnte man anhand der anhaltenden Killerspieldiskussion sehr schön sehen, wie sich der oft beschworene Generationenkonflikt tatsächlich manifestiert. Das Rentensystem oder die Krankenversicherung werden durch die Überalterung der Gesellschaft nicht zusammenbrechen, aber die wachsende Zahl von Alten wird die Jungen kulturell unterdrücken. Das liegt daran, daß heutzutage viel zu viel Wert auf "demokratisch" anstatt "verfassungsmäßiger Rechtsstaat" gelegt wird. Nur weil eine Mehrheit für oder gegen etwas ist, heißt dies nicht, daß dies automatisch eine gute Sache sein muß. Der moderne Verfassungsstaat basiert deswegen nicht umsonst auf Minderheitenschutz und rechtsstaatlichen Prinzipien. Um es auf den Punkt zu bringen: Auch ich würde am liebsten 80% der Musik verbieten lassen, welche gerade von der jungen Generation gehört wird, versuche aber so liberal zu sein, daß ich es toleriere.
Diese Toleranz wird in der aktuellen Diskussion von alten Männern und betroffenen Frauen in einer unheiligen Allianz aus konservativ und politisch korrekt nicht mehr gewährt. Polemisch und ohne jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund werden Forderungen erhoben, die in ihrer Konsequenz auf jeden Fall in verfassungsmäßige Rechte einzugreifen drohen. Das Motto lautet: "Was wir nicht mehr verstehen, gehört verboten" und "Es könnte ja gefährlich für unsere lieben Kleinen sein, also verbieten". Leider ist die Gegenseite zum Teil ebenso fanatisiert und zu keiner ernsthaften Diskussion bereit. In diversen Foren zu lesende Sätze wie "Headshot for Beckstein" oder "Ich bau den Bundestag als CS-Map" erweisen der Spielerseite offensichtlich einen Bärendienst. Auch die üblichen Vegleiche mit Schützenvereinen oder Autos ("Zu gefährlich, alles verbieten!") sind kontraproduktiv. All diese historisch gewachsenen Prozesse sind längst über unausgesprochene Gesellschaftsverträge in diese Republik integriert worden und werden als zwar in Maßen gefährlich aber auch notwendig angesehen. Das Phänomen der Computerspiele hingegen ist relativ neu, insbesondere Ego-Shooter und generell grafisch realistisch angehauchte Spiele dürften erst seit maximal 5 Jahren in das Licht der Öffentlichkeit gerückt sein.
Ich werde versuchen, die wichtigsten Punkte aufzuführen und zu analysieren, sachlich (aber nicht nur) an das Problem heranzugehen ohne jedoch meine Meinung zurückzuhalten. Beginnen möchte ich mit den Argumenten der Verbotsseite, da der öffentliche Druck hauptsächlich von dieser Seite aufgebaut wird und ich hier auch die "Mehrheit" sehe, also die stärkere Partei. Eigentlich verfügt diese Seite nur über ein einziges Argument, nämlich, daß gewalthaltige Computerspiele Menschen (insbesondere männliche Jugendliche) gewalttätig machen und jeder Amoklauf mehr oder weniger Fanal eines ausufernden Computerspielkonsums ist. Diese Argumentation ist ein hervorragendes Beispiel wie man wissenschaftliche Erkenntnisse manipulieren, Statistiken bewußt falsch interpretieren und die Öffentlichkeit verdummen kann. Immer wieder wird angeführt, daß jeder Amokläufer Killerspielspieler war und seine Tat mit Hilfe dieser Spiele zumindest geplant oder sich dadurch angestachelt gefühlt hat. Zuerst einmal ist die Anzahl der Amokläufe deutschland- und selbst weltweit so gering, daß eine repräsentative ordnungsgemäße statistische Aufbereitung nahezu unmöglich erscheint und außerdem ist dies schlichtweg falsch. Lassen wir einmal "historische" Amokläufe (also in der Prä-Computerzeit) beiseite, bei denen natürlich trotzdem die Frage auftauchen sollte, warum sie stattgefunden haben, dann wird man sehr schnell feststellen, daß es in seltenen Fällen keinen Bezug zu Ego-Shootern gibt oder dieser nie richtig bewiesen wurde. Tatsächlich wurden jedoch sehr häufig "passende" Computerspiele gefunden, deren Anwesenheit diese These scheinbar stützt. Die Erklärung dafür ist jedoch so einfach, daß es schon fast eine Frechheit ist, es anders zu sehen. Ich persönlich kenne keinen Mann meines Alters oder jünger, der keinen Computer besitzt und nicht schon Ego-Shooter gespielt hat. Ich stelle hiermit die These auf, daß die "Ego-Shooter"-Dichte mit sinkenden Alter sogar überproportional zunimmt, während die von mir so benannten "alten Männer" niemals auch nur in Berührung damit gekommen sind. Für die jüngere Generation sind Computerspiele (und damit auch Ego-Shooter) Teil der Kultur so wie Autos, Volksmusik oder der Opernbesuch für die Älteren. Es ist unglaublich, diese Umkehrung der Kausalkette ungefragt zu übernehmen: Aus "Jeder junge Mann spielt am Computer, wird aber nicht zum Amokläufer" wird "Jeder Amokläufer hat am Computer gespielt, deswegen sind Computer schuld". Das ist nicht nur unwissenschaftlich, das ist eine Frechheit. Leider ist die breite Masse schon so an diese Art der Verkettung gewöhnt worden, daß überhaupt nicht mehr hinterfragt wird, was denn wirklich daran sein könnte. Abgesehen davon handelt es sich um das altbekannte Henne-und-Ei-Prinzip: Machen Computerspiele gewalttätig oder suchen sich gewalttätig veranlagte Menschen Computerspiele deswegen aus? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte.
In den letzten Jahren scheint es eine Verrohung der Gesellschaft zu geben (diese These übernehme ich jetzt mal ungeprüft, mache sie mir aber nicht zu eigen!), welche oft auf Gewalt in den Medien zurückgeführt wird. Meine These ist, daß Medien immer ein Spiegel der Gesellschaft sind, die Entwicklung also gleichzeitig verläuft. Die Gesellschaft wird gewalttätiger, die Medien greifen das auf und führen dadurch zu einer Verstärkung des Effekts. Die Ursachen sind vielschichtiger als uns Politiker weismachen wollen, einfache Zusammenhänge gibt es in einer komplexen Gesellschaft nicht. Perspektivlosikeit, Sinnlosigkeit der eigenen Existenz und Gewalt in der Gesellschaft (die letztlich zu Haß auf die Gesellschaft führt) bilden die Allianz, die in Katastrophen mündet. Bitte nicht falsch verstehen, ich bin kein Anhänger der "Die Gesellschaft ist an allem schuld"-Theorie, meines Erachtens kann jeder Mensch immer wieder frei Entscheidungen über sein Schicksal treffen, doch sind diese Entscheidungen an gesellschaftlich vorgegebene Wahrscheinlichkeiten gekoppelt. Manche habe einfach bessere Chancen als andere, aber eine Chance hat jeder! Würden jedoch Politiker nicht die simplen Ursachen sondern die komplexen Zusammenhänge sehen wollen, müßten sie unter Umständen zugeben, daß sie quasi selbst Schuld an Amokläufen sind, da sie Teil der Gesellschaft sind und ihre Entscheidungen einen größeren Einfluß auf den Lauf der Dinge haben dürften als Entscheidungen normaler Menschen.
Zusätzlich wollen Politiker natürlich (wieder)-gewählt werden, scheuen also grundsätzlich davor zurück, ihren Wählern die unangenehme Wahrheit zu sagen. Anstatt also offen und ehrlich zuzugeben, daß niemand genau weiß, warum junge Menschen durchticken und dies auch in Zukunft immer und immer wieder passieren wird (selbst wenn man nahezu alles verbietet), soll durch Verbotsschnellschüsse erreicht werden, daß sich die Zielgruppe sicherer fühlt. Und die Zielgruppe sind die Alten und die Mütter, welche inzwischen jede Mehrheitsentscheidung in diesem Staat beherrschen und deren Sicherheitsbedürfnis unbegrent zu sein scheint. Akzeptiert endlich die Lebenswirklichkeit: Sicherheit ist eine Illusion. Und so schlimm jede Katastrophe für die Betroffenen sein mag, die Gesellschaft kann und sollte damit umgehen und es akzeptieren. Natürlich spricht nichts dagegen, Risiken zu verringern, aber die Frage nach Verhältnismäßigkeit darf doch noch erlaubt sein.
Ein Unterargument der Verbotsbefürworter ist stets die "Ekelhaftigkeit" der Spiele, was anhand bestimmter Beispiele immer wieder plastisch in diversen Fernsehsendungen vorgeführt wird. Abgesehen davon, daß da meistens sowieso schon verbotene Spiele oder Totalmodifikationen gezeigt werden, ist das Zeigen einer aus dem Spielzusammenhang gerissenen Spielsequenz eine Ungeheuerlichkeit. Ein Beweis durch Einzelbeispiel sagt ungefähr so viel aus wie ein Fisch im Goldfischglas. Außerdem ist Ekelhaftigkeit kein Kriterium. Ich finde Volksmusik auch ekelhaft, verbiete es aber nicht. Die meisten katholischen Bischöfe scheinen Sex ekelhaft zu finden, trotzdem ist er nicht verboten. Kultur über rein subjektive Begriffe abwerten zu wollen, verbietet sich eigentlich von allein. Obwohl viele Menschen Körperwelten ekelhaft fanden, wurde es auch nicht verboten, sondern ganz im Gegenteil auch von älteren Menschen oder Familien besucht. Aber das ist ja Kunst, kann man mit Computerspielen natürlich nicht vergleichen!
Demnächst mehr in Teil II
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